Nr. 16, Sommer 2003,
"Krieg und Frieden"
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Anteilnahme

Wenn der Fernseher beginnt
weitentferntes Blut zu schwitzen
revoltiert man stumm im Sitzen
während es zu Boden rinnt

Friedensfahnen als Gardinen
wehen nicht weil´s windstill bleibt
während man mit ernstem Grienen
Tauben weiß nach Bagdad treibt

Schreiben für ein Stück vom Kuchen
der nach Anteilnahme schmeckt
hinter Block und Stift versteckt
wenigstens den Krieg verfluchen!


Patrick Stasch



Requiem a.D.

ave
eva

eden
ende


Clemens Schittko


Waffenstillstand

Er ist eingetreten,
endlich,
nach alle dem,
Krieg,
Schlachten und Gefechten.

Jetzt liegst du an meinem Rücken;
Angenehm ist das
und angenommen fühl ich mich.

Ich liege in dir.
Es fühlt sich an als ob.
Deine Arme umschließen mich.
Ich liege in dir
Es fühlt sich an als ob es so wäre.

Du ziehst dich von dir,
hinter mir,
Du ziehst dich von allen Seiten nach vorn,
zu mir.

Du ziehst dich mir zu wie eine Krankheit.

Ich fühle mich wie eine Eroberung
Deiner Selbst.
Über deine Glieder, deinen Körper hinaus,
breitest du es aus.

Es ist so warm um mich herum.
Du ziehst dich zu,
wie ein Gewitter,
Krankheit.
Wärme,
Fieber umhüllt mich.
Dein Dunst umschließt mich,
du verschließt mich.
Füll das tiefe Loch in meiner Seele,
kaltes Loch.

Mein Rücken schmerzt so nicht mehr,
meine Vergangenheit ist keine Last mehr.
Dein Atem in meinem Nacken,
bläst mir neues Leben ein.
Du weckst Liebe in mir,
Liebster,
nach alle dem,
Hass, meiner Abscheu für dich.

Und du umarmst mich.
Ich liege in dir.
Du umgibst mich.
Ich liege in dir.
Es fühlt sich nur so an als ob es so wäre!

Schließ mich ein, Liebster.
Lege mich ab,
in unsere Welt.
Dreh den Schlüssel herum.
Schließ mich ein, Liebster.
Mach mich verlieren.


Julia Bohlmann

mensch bleibt immer erste teilchen

wahrscheinlich hatte der nächtliche moderator vom öffentlich-rechtlichen
fernsehen höchstbekömmliche luftbläschen im schädel, jedenfalls zählte er
die sekunden vorm ablauf eines ultimatums an den irak ab und wartete weit
nach mitternacht auf den feuerschein über bagdad.
Der mann lag schlaflos auf dem sofa, wußte worum es ging, und doch war
ihm, als wollte der kerl im fernsehen ihm vorfreudig eine spannende
silvesterparty punkt zwei uhr mit erwarteten ´tomahawkraketen´ und ´marschflugkörpern´ in einer strafversetzten zeit einläuten.
„noch fünf sekunden......!“ abrupt unterbrach der moderator einen
zugeschalteten kollegen, zeigte uns den ablauf der sekunden und ein von menschenhand verlassenes kamera-live-standbild von einem dach eines
hauses im frühmorgendlichen bagdad.
doch das von ihm erwartete bombenfeuerwerk blieb aus und ein vielleicht in intelligenter verachtung nachgeplappertes:“......liebe zuschauer, zwanzigster
märz zweitausenddrei, zwei uhr mitteleuropäischer zeit, was für eine
gewaltige, schreckliche feuerkraft für die freiheit der welt......!“ auch.
nur die sender mit den animier-sex-clips sendeten unbeeindruckt ihre sich befummelnden mädchen und auf einer frequenz ließen sie gar eine
vollbusige, mit eiem flatterndem umhang versehene ´super-woman´ durch die
lüfte fliegen, zeigten ihr wegweiser mit aufschrift wie BLOW JOB und ließen
´super-woman´ mit dem hinweis SUPER WOMAN RETTET DIE WELT
einfach weiter fliegen und irgendwo landen......

der mann stand auf, steckte sich eine zigarette an, spürte den qualm in sich brennen, schloß die augen und sah den speckigen kerl, welcher vor wochen
vor seiner tür stand und forderte: “wieviele fernseher haben sie in ihrer
wohnung? ich bin von der gebühreneinzugszentrale! Sei müssen ihre geräte anmelden! Ich bin befugt, in ihre wohnung zu kommen und
nachzuschauen......!“
die rechnung war inzwischen da und lag noch immer auf dem fernseher.....
dann sah der mann stunden später doch noch die bombeneinschläge in
bagdad, doch die champagne-.flasche des moderators kam nicht ins bild.


Jürgen Landt