Nr. 17, Winter 2003,
"Wurzeln"
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wir sind menschen der stadt

wir sind menschen der stadt. sie ist der raum in dem wir uns bewegen. die straßenbahn die um die ecke quietscht, der mülleimer der am eckkiosk überquillt. die kaufhaushetzer in der spielwarenabteilung. sie gehören zu uns. wir durchqueren die stadt in langen bahnen. in den eingelaufenen schrittfolgen des alltags durchmessen wir unser revier. wir sind menschen der häuser. wir sind menschen der menschen. wir sehen keine unterschiede mehr. im rauschen der autos und schwarm der auffälligkeiten versinkt die wahrnehmung im asphalt. dort wo wir leben, leben wir scheinbar nicht. zu viel sind die lichter, zu viel sind die töne und stimmen. zu viel sind die getakteten tage. zu wenig ist der mond und die sterne zu wenig ist der wind in den häuserecken zu wenig ist der rest an grün in den bordsteinritzen. dem uns vertrauten trauen wir nicht. wir leben in der großstadt aber unsere träume werden genährt von dem schein des feuers, von der überschaubarkeit auf höhenwegen, vom unbezähmbaren wind der küstenlinie. wenn wir erzählen, erzählen wir nicht von den überfüllten bussen, wir erzählen nicht von der schlange beim bäcker, wir erzählen nicht von den handzettelverteilern in der passage. wir brechen aus aus dem wochenendrythmus. wechseln uns aus und sind wieder in unserer eigenen haut. wir öffnen die augen und geniessen den regen. wir leben auf fahrt. wir, die menschen der stadt. und doch bleiben wir nicht. wir bleiben nicht einfach da, wo wir mehr sind im herzen. wir begrenzen unser glück. ein dauerhaftes leben ausserhalb der stadt scheint in letzter konsequenz nicht gehbar. lieber leben wir im wechsel und genießen die fahrt als kontrast zu den u-bahnschächten und einkaufszeilen und unterführungen und häuserzeilen. und doch kommen wir zurück. the city night will never let you sleep. artificial light is so much brighter than day and the sun can have no say. as the envelopes hit doormats in anonymous hallways the city sky reflects the greys. the river stirs, the dawn turns up her collar. the early bids improvise a city song but to try to sing along is like bathing in a puddle to remove the city grime so you tap your feet in city time. a distant sound somehow feels too close for comfort. the tired ground rumbles with the passing trade. sirens deafen and then fade. it`s the soundtrack to a life we all say we`ll leave behind. we never do make up our minds. (Robert Taylor; coloma) *

wir ziehen an den merkwürdig schauenden portieren vorbei und steuern den aufzug an. in weniger als 15 sekunden erreichen wir den 32. stock, der abrupte stop liegt flau im magen. die hoffnung auf ein fenster erfüllt sich nicht, das kasino ist noch geschlossen und die putzfrau fürchtet um ihren job, falls sie uns in ein zimmer lässt um einen blick zu wagen. so suchen wir nach einer anderen möglichkeit. der notausgang am ende des flurs führt in ein kleines treppenhaus. doch die fenster sind mit metallgittern und sichtschutz-lamellen verbaut. wir taumeln von stockwerk zu stockwerk, die treppen fliehen unter unseren füßen, schneller und schneller ersetzen die füße den fahrstuhl. eine freie sicht ist nicht zu finden. unten angekommen schaut der portier ähnlich verständnislos wie wenige minuten zuvor. wir ziehen zu einem berliner verlagshaus schräg gegenüber. aber wir werden nicht reingelassen. nebenan klingeln wir bei einer zahnartztpraxis, und schaffen es in den sechzehnten stock. aber der blick ist beschränkt und die fenster lassen sich nicht öffnen. mehrere stunden später stehen wir dann auf der plattform des doms. jetzt sind wir da. hier ist unser ort. wir schauen auf die minimenschen und schauen in den schlund der baugrube. der fluß zur linken glitzert, der ausflugsdampfer durchpflügt die taubenschwärme die sich im wind zu uns aufschwingen und zwischen unseren papierfliegern hindurchflitzen. ein doppeldecker lenkt auf uns zu und dreht dann ab. türme ragen aus der einheitsrot der dächer. der raum dessen menschen wir sind, gewinnt die freiheit des neuen. die bekanntheit der grauen fassaden stößt hier mit dem flirren der luft in unglaublicher ferne zusammen.

Urs Moesenfechtel

 

*Robert Taylor, Coloma: Die nächtliche Stadt wird dich niemals schlafen lassen. Künstliches Licht ist so viel heller als der Tag und die Sonne ist bedeutungslos. Wenn Briefumschläge auf Fußabtreter in anonymen Fluren treffen, spiegelt der Stadthimmel das Grau. Der Fluß regt sich, die Morgendämmerung schlägt ihren Kragen hoch. Die frühen Vögel improvisieren ein Stadtlied, aber mitzusingen ist als bade man in einer Pfütze, um den Schmerz der Stadt abzuwaschen, also wippst Du mit den Füßen im Takt der Stadt. Ein fernes Geräusch fühlt sich irgendwie zu nah an um Trost zu spenden. Der müde Erdboden dröhnt vom vorbeifahrenden Handelsvekehr. Sirenen ertönen ohrenbetäubend und verklingen dann. Es ist die Hintergrundmusik zu einem Leben von dem wir alle sagen, wir würden es hinter uns lassen. Wir entschließen uns nie dazu.

 

 

Melodien schwimmen durch
meine Augen salzig lau
dankbar spannt ein e-Moll dabei
dem hohen C die Liebe aus.

Patrick Stasch

 

 

Erdenwärts
Drama in zwei Abenden

I.
Als ich beim nächtlichen Gang unter finsteren Sternen verharrte,
denkend des lyrischen Tods, der mich vor Zeiten durchfuhr,
siehe da starben die Steine und mit ihnen all meine Tode,
die mich noch jemals ereilt, wenn dunkles Blut sich ergoss;
in dem erkalteten Öle erzitterten schwarze Gestalten,
trauernde Bäume vielleicht, welche in Sanftmut geruht,
und es ergossen sich Wunden, die süßer noch niemals geklungen,
alles Erstarren im nichts wog dieser Augenblick auf.
In diesem heiligen Traume, der endlich mir Wirklichkeit zeigte,
wenn auch die fratzenhaft gelb grinsenden Stimmen nicht ruhn,
ward eine Glut offenbar, die auch dann nicht mehr gänzlich erkaltet,
wenn schwarz im bleiernen Tod all meine Worte erstarrn.

II.
Was ich noch gestrigen Tags unter Wahrung des Scheines verkündet,
gleichend dem flüsternden Schnee, der alles Dunkel bedeckt,
ist unterm Brand der Sonne, die gleißend das Leben vernichtet,
tot in das Nichts gestürzt, das alle Strahlen verschlingt.
Schwarz sind die Augen der Göttin, die sanft mir unter die Haut fuhr,
bleiern ihr wallendes Haar, welches mich gänzlich umschloss.
Und es strömte das Licht in disharmonischen Klängen
blutend aus ihrem Gesicht, Tränen verbrannten in mir,
als sie ihr glühendes Haupt in alle Tiefen versenkte,
die selbst ich nicht gekannt, wo auch immer ich starb.
Nun wird für immer das Schweben mit tiefem Vergessen bedeckt sein,
das in die Höhe sich wand, wenn mich die Finsternis rief.

Ilja Thomas